Innen und Außen beim Bien, Alter des Biens und Bautätigkeit

Wie besiedele ich meinen ersten Warré-Bienenstock? Mit einem Schwarm? Ableger?
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zaunreiter
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Innen und Außen beim Bien, Alter des Biens und Bautätigkeit

Beitragvon zaunreiter » Do 11. Okt 2012, 13:27

Für mich ist die Summe der gemachten Erfahrungen, daß es beim Bien ein "Innen" und ein "Außen" gibt. Der Organismus Bien besteht aus den einzelnen Bienen aber vor allem aus dem Gesamtwabenwerk. Da, wo das Brutnest ist, dort sitzt das Innen. Das Rundherum ist das Äußere.

Waben werden im Inneren schnell ersetzt, fast zu jeder Jahreszeit. Freier Raum an den äußeren Teilen des Biens, egal ob oben, unten oder an den Seiten, werden weniger schnell ersetzt.

Wenn Du ein Volk im Oktober aus dem Wabenwerk schüttelst, wie es die Korbimker seinerzeit berichten (siehe Lehzen), wird es unter Fütterung ein komplett neues Wabenwerk bauen. Die Bienen können also prinzipiell zu fast jeder Jahreszeit Waben bauen. (Mit Ausnahme des Winters natürlich.)

Wenn Du die Bienen also zum Wabenbau zwingen willst, nimm ihnen jeglichen Wabenbau. Unter Fütterung werden sie den Wabenbau ersetzen. (Totalbauerneuerung, TBE)

Nun der Unterschied zwischen "innen" und "außen" anhand einer Fallbeschreibung.

Ein Anfänger kauft einen Ableger mit fünf Brutwaben. Diese hängt er in eine T120 Trogbeute mit Platz für 20 Rähmchen. Vorne und hinten füllt er den Raum mit Rähmchen+Mittelwänden in der Hoffnung, daß die Bienen das Nest ausbauen werden.

Trotz Fütterung passiert: nichts! Die Bienen sitzen "zufrieden" auf den ausgebauten fünf Waben und nehmen nur wenig Futter ab.

Da kommt so ein Hallodri daher und schaut mit dem Anfänger in den Kasten. Flugs ordnet er die alten Brutwaben mit leeren Rähmchen abwechselnd an:
Brutwabe | Rähmchen+Mittelwand |Brutwabe | Rähmchen+Mittelwand |Brutwabe | Rähmchen+Mittelwand |...usw

Innerhalb einer Woche waren alle Mittelwände ausgebaut.

Das läßt sich in der Form zuverlässig reproduzieren. Auch in Topbarhives (TBH) werden leere Oberträger nicht hinter die Honigwaben gesetzt, sondern an das Brutnest heran, in die "Reizzone" (nach Pfefferle) zwischen Brut- und Honigwaben.

Die Bienen bauen auch Waben an den äußeren Rändern des Wabenwerks nach außen hin aus, so wie beispielsweise in der Warré nach "unten" (was eindeutig außen ist!)

Doch für diese Ausbauarbeiten am äußeren Rand des Organismus muß der Bien "in Stimmung" sein. Das ist natürlich eine schwammige Beschreibung. Richtiger ist die Beschreibung: der Bien (!) muß dafür im richtigen Alter sein.

Was bedeutet das?! Vergleichen wir es mit dem Menschen. Der Mensch wächst nachdem er geboren ist, bis er erwachsen ist. Also durch die Kindheit und die Jugendzeit hindurch, bis er die volle Größe erreicht hat.

So ist es auch beim Bien. Der Bien, nachdem er geboren ist, wächst nach außen hin bis er erwachsen ist. Danach nicht mehr wesentlich.

Wird der Organismus im Innern verletzt, repariert der Organismus den Schaden durch Ersatz. Wenn ein Mensch sich ins Fleisch schneidet, repariert auch der menschliche Körper den Schaden.

So ist es auch mit dem Bien zu verstehen. Der Bien wächst nach außen, wenn er jung ist, danach beschränkt er sich hauptsächlich auf die Erhaltung des Innen. Narben an der Außenseite läßt er bestehen.

Walter Wright - bekannt durch das Nektarmanagement - hat die Angelegenheit treffend in einem Artikel niedergeschrieben, den ich hier ins Deutsche übersetzt habe: Über das Alter eines Bienenvolkes und die Wirkungen. Siehe: http://www.immenfreunde.de/docs/AlterBienenVolk.pdf

Um die Bienen also "in Stimmung" zum Bauen zu bringen, mußt Du die Altersstruktur zu einem Überhang an jungen Bienen bringen oder den gesamten Bien verjüngen. (TBE)

Oder aber Du arbeitest mit dem Reparaturmechanismus im Innern des Bien. (Außen funktioniert das nur bedingt.)

Du kannst also tatsächlich Waben außen und innen wegschneiden, wie es beliebt. Nur das Brutnest muß kugelförmig erhalten bleiben, um dann gestreckt zu werden und die so entstehenden Zwischenräume mit Leerrähmchen und Mittelwänden aufzufüllen. Die Kugelform wird also extrem gedehnt.
Fütterung ist dabei absolut notwendig. Junge Königinnen sind vorteilhaft, da sie zusätzlich den Bien an sich verjüngen und das jugendliche Wachstum imitiert wird.


Viele Grüße
Bernhard

PS: Wer das Nektarmanagement noch nicht verstanden hat und/oder noch nicht richtig anwenden konnte, kann nach Lektüre über das Alter des Bienenvolkes mit diesem Hintergrund erneut einen Versuch anstellen. Lehzen berichtet auch, daß mit Baubienen in den Winter geschickte Völker im nächsten Jahr sehr ertragreich sind.

PPS: Dieses Wissen verschafft dem Imker Vorteile beim Imkern mit kleinformatigen Beuten gegenüber großformatigen Beuten (einräumig, Dadant und Co.), da in den großformatigen nur im Außen gearbeitet werden kann und viel davon abhängt, daß der Bien noch jung ist. Kleinformatige Beuten lassen sehr feine Arbeiten im Inneren zu.
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Ich summe, also bien ich.

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Re: Innen und Außen beim Bien, Alter des Biens und Bautätigk

Beitragvon KMP » Do 11. Okt 2012, 14:05

Wenn Du ein Volk im Oktober aus dem Wabenwerk schüttelst ... wird es unter Fütterung ein komplett neues Wabenwerk bauen.
[...]
Wenn Du die Bienen also zum Wabenbau zwingen willst, nimm ihnen jeglichen Wabenbau. Unter Fütterung werden sie den Wabenbau ersetzen. (Totalbauerneuerung, TBE)


So ähnlich (wie mit einem Kunstschwarm) macht man die Bauerneuerung in ungefähr dem 4. Jahr mit der Bienenkiste (habe ich gelesen). In dem Fall wird es 4 Wochen nach einem Vorschwarm empfohlen.

Aber im Oktober wäre die Auffütterungszeit etwas zu knapp dafür oder? Oder meinst Du das Beispiel nur theoretisch?

-Kevin
Kevin Pfeiffer - Kleinimker seit 2012

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zaunreiter
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Re: Innen und Außen beim Bien, Alter des Biens und Bautätigk

Beitragvon zaunreiter » Do 11. Okt 2012, 16:11

So wurde es früher nach der späten Tracht in der Heide gemacht. Das ist für unsere Regionen und Trachten daher zwar theoretisch möglich, aber gar nicht notwendig, so spät noch bauen zu lassen. Da kannst Du besser auf Nummer sicher gehen und frühzeitig für die Aufspeicherung von Vorräten zu sorgen.

Die Gedanken von Émile Warré bezüglich der heroischen Methode erscheinen aber unter diesen oben beschriebenen Erkenntnissen in einem anderen Licht. :idea:

Gruß
Bernhard
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Re: Innen und Außen beim Bien, Alter des Biens und Bautätigk

Beitragvon mahagugu » Fr 12. Okt 2012, 09:37

zaunreiter hat geschrieben:...

Wenn Du ein Volk im Oktober aus dem Wabenwerk schüttelst, wie es die Korbimker seinerzeit berichten (siehe Lehzen), wird es unter Fütterung ein komplett neues Wabenwerk bauen. Die Bienen können also prinzipiell zu fast jeder Jahreszeit Waben bauen. (Mit Ausnahme des Winters natürlich.)

...


Somit stimmt es nicht , das eine komplette Bauerneuerung im Naturbau ab Mitte Juli nicht mehr möglich ist, wie u.a. in der Zeitschrift
BienenAktuell behauptet wurde.

Mit wieviel Futter muß ich circa rechnen, wenn ich will, dass sie auch noch genug für den Winter haben?

Eigentlich plane ich das Mal auszuprobieren ...

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Re: Innen und Außen beim Bien, Alter des Biens und Bautätigk

Beitragvon Hainlaeufer » Mi 16. Jan 2013, 00:22

zaunreiter hat geschrieben:Wenn Du die Bienen also zum Wabenbau zwingen willst, nimm ihnen jeglichen Wabenbau. Unter Fütterung werden sie den Wabenbau ersetzen. (Totalbauerneuerung, TBE)

Das heißt, es wäre nicht ratsam, dem Volk die Brutzargen abzubeuteln und unter den noch vorhandenen Honigzargen z.B. zwei leere neue Zargen zu stellen? (Wenn man das so in Juni oder anfang Juli macht, hat man ja in der Regel ganz neue, frisch befüllte Honigzargen, die ja eh aus frischen Wabenbau bestehen sollten! Die Honigzargen mit den alten Wabenmaterial kann man ja ernten, sowie die alten Brutwaben aus den Brutzargen würde man auch damit weg bekommen.)
Nicht Bienentauglich, der Gedanke?

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zaunreiter
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Re: Innen und Außen beim Bien, Alter des Biens und Bautätigk

Beitragvon zaunreiter » Mi 16. Jan 2013, 00:32

Doch das geht. Habe ich schon so gemacht. Die Völker erstarken zügig und bauen zwei Zargen schnell aus. Jedoch: was sie bis dahin an Honigüberschüssen nicht eingetragen haben, werden sie auch nicht mehr eintragen. Also kannst Du auch gleich ernten, dabei den Wintervorrat belassen. (Eine knallvolle Zarge.) Dann braucht es auch kein Absperrgitter.

Gruß
Bernhard
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Re: Innen und Außen beim Bien, Alter des Biens und Bautätigk

Beitragvon Hainlaeufer » Mi 16. Jan 2013, 13:13

Na das hört sich ja prima an ;). Ich kann mir vorstellen, diesen Eingriff alle zwei Jahre zu machen. Theoretisch könnte man ja die alten Brutzargen in Brutscheunen umfunktionieren, behandeln und dann die restlichen geschlüpften Bienen zu einen Kunstschwarm machen oder in die Volker zurück beuteln oder?
Mir war es wichtig eine Mehtode zu finden den Wabenumtrieb besser und effizienter zu gestalten, zumindest dann, wenn man oben mit Zargen erweitert.

Danke sehr!

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Re: Innen und Außen beim Bien, Alter des Biens und Bautätigk

Beitragvon Rumpel » Do 17. Jul 2014, 07:00

Innen und aussen,
interessant es gibt auch getrennte Schlafzimmer. :)
http://www.plosone.org/article/info%3Ad ... ne.0102316
Gruss Jörn
Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen.
Johann Wolfgang von Goethe


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