Dadant, Deutschnormal, Warré

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zaunreiter
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Re: Dadant, Deutschnormal, Warré

Beitragvon zaunreiter » Di 27. Dez 2016, 22:02

Hallo Hagen!

dornbusch hat geschrieben:Vielen Dank, das ist mal wieder eine ehrliche Antwort, aus der man viel für sich selber herauslesen kann.


Aber nicht zu viel hinein interpretieren, was da nicht steht. :)

dornbusch hat geschrieben:Für Bernhard sind also die Ausführungen von Warré hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit wiederlegt.


Nein. Widerlegt sind die Ausführungen von Warré nicht. Nur der Kapitalismus, in dem wir momentan leben, interessiert sich nicht für "echte" (ökologische) Wirtschaftlichkeit. Ich denke, die große Zeit der Warrébeute wird erst noch wieder kommen. Denn wir verbrauchen mehr Energie als wir dürften, auf allen Ebenen. Das trocknet irgendwann aus. Und dann brauchen wir einfachere, ich will nicht sagen primitivere Formen der Bienenhaltung. Und da ist die Warré ganz vorne dabei. Jedes Ding hat seine Zeit.

Professor Seeley hat in seinem Vortrag bei der Mellifera die Resultate seiner Forschungen vorgestellt, wo es um die Frage geht, warum die wilden Bienenvölker die Varroa ohne Behandlung überleben (beziehungsweise eine Resistenz entwickeln) und von Imkern betreute Bienenvölker nicht. Er konnte zumindest für die Drohnen zeigen, daß es bei wilden Völkern keinerlei Verflug gibt, also 0 %, während der Verflug bei kurzem Abstand von Volk zu Volk 43 % beträgt. Es gäbe zwar auch Räuberei bei den wilden Völkern, aber keinen Verflug. Die Völker sind unter wilden Verhältnissen im Schnitt 850 Meter voneinander entfernt. Ohne Verflug kann sich die Varroa nur von Muttervolk auf die Tochterschwärme übertragen. Deswegen sterben virulente Varroen (und Viren) mit dem Wirtsvolk aus. Während gemäßigtere Milben von Muttervolk auf das Tochtervolk übertragen werden. Die "eng" aneinander gereihten Völker hingegen ermöglichen es den Varroen (und Viren) virulent zu sein, sich also maximal zu vermehren. Weil sie eben bei einem sterbenden Volk ausziehen und in ein benachbartes Volk einziehen können.

Das Schwärmen teilt nicht nur die Bienen in einem Volk, es teilt auch die Varroapopulation des Volkes. Wenn die Völker weit auseinander stehen und es nicht zur Verbreitung über Verflug kommt, ist der Schwarm ein wichtiger Faktor zur Reduzierung der Varroapopulation auf ein gesundes Maß. Dieser Effekt des Schwärmens funktioniert nicht, wenn die Völker alle beieinander stehen.

Professor Seeley konnte des Weiteren zeigen, daß natürliche Nester circa 30-60 Liter Volumen haben. Eine Warrébeute hat 36 Liter mit zwei Magazinen. Oder 54 Liter bei drei Magazinen. In solchen Baumhöhlen ist der Durchmesser meist nur 20 cm. Die Warré ist da schon sehr nah dran. Diese engen Verhältnisse unter natürlichen Bedingungen haben zur Folge, daß die wilden Völker kaum über 10.000 Bienen in der Spitze haben und genauso wenig Brut. Die Varroamilbe hat hier nicht die Möglichkeiten zur Vermehrung wie in anderen herkömmlichen Beuten, wo alleine im Brutnest schon 50.000 Brutzellen zur Verfügung stehen.

Die Bienenvölker in den Warrébeuten bleiben auch etwas kleiner, vor allem im Winter sind die Brutnester und die Bienenmasse kleiner. Durch die Enge, entwickeln sich die Völker im Frühjahr in der Warré aber sehr gut und sehr schnell. Das ist ein Vorteil für die Warré und der wird sich irgendwann auszahlen.

Laut Professor Seeley überlebten 8 von 12 Bienenvölkern, die permanent in kleinen Bienenbeuten gehalten wurden und die nicht weit über 10.000 Bienen hinausgekommen sind. Von den Völkern in den großen Beuten überlebten nur 2 von 12 Völkern. (Alle Bienenvölker wurden nicht gegen die Varroa behandelt.) Das Kleinheit eine Strategie des Bienenvolkes sein kann, hat ja auch schon Martin Dettli aus der Schweiz in seinen Forschungen gezeigt. Allerdings war die Honigernte auch genauso grottig: bei den kleinen Bienenvölkern konnte kaum/kein Honig entnommen werden, während die großen Bienenvölker viel Honig hatten. (Die Trachtstärke eines Bienenvolkes fängt bei 20.000 Bienen an, und ist erst ab 30.000 Bienen wirtschaftlich interessant.)

Professor Seeley berichtet außerdem, daß das Propolis eine Rolle spielt, da es die Überlebensfähigkeit der Völker ohne Behandlung verbessert. Auch hier bietet eine Warrébeute im Stabilbau eine bessere Grundlage, als die mit Rähmchen ausgestattete Beute. Weil die Bienen die Waben zur Wand hin mit Propolis einschmieren.

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Hier im Klotz gut zu sehen:

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Bei Rähmchen ist aber keine Wand. Da ist nur ein Luftspalt. Während die Bienen also in der Rähmchenbeute wenig propolisieren, ist Propolis in den Warrébeuten doch wesentlich stärker aufgebracht.

Ich will hier zum Schluß noch auf eine weitere erfolgreiche Warré-Berufsimkerei verweisen: auf meinen Freund Tim Malfroy aus Australien. Siehe: http://www.malfroysgold.com.au/home.html Der hält 500 Warrévölker und erntet Honig aus Stabilbau. Er hat allerdings bienenparadiesische Zustände: keine Varroa, Tracht fast das ganze Jahr über und eine menschenleere Wildnis um sich herum. Australien eben. Er konnte auch ganz anders starten, weil sein Vater bereits Berufsimker ist. Wandern muss er nicht und die Anzahl der Bienenvölker je Standort ist auch nicht begrenzt, weil genug Tracht.

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Das war früher in unserem Land auch so. Sieht man sich die alten Bienenhäuser mit Platz für 50 - 100 in einer Hütte an, so muß das Frachtangebot wesentlich besser als heute gewesen sein. Wo kann man heute bei uns noch 50 Völker das ganze Jahr stehen lassen, ohne daß die Bienen die meiste Zeit hungern?

Hier haben wir mit dem Klimawandel zu kämpfen (gerade hier im Norden im Einflussbereich des Meeres). Das äußerst sich in Wetterextreme wie wir dieses Jahr zum Beispiel mit acht Wochen dauernden Starkregen hatten. Mit dem Strukturwandel in der Landschaft. Mehr Beton, mehr Pestizide, mehr grüne Wüsten. Hier scheinen alle Tiere eine Immunschwäche zu entwickeln. Von Fledermäusen, Hasen, Rehe und gerade die Insekten: alle bekommen plötzlich Pilzkrankheiten, Virenkrankheiten und anderes. Wir steuern da auf eine große Entwicklung zu.

Vielleicht ist gerade die Warrébeute in dieser Entwicklung geeignet, den Bien über die Zeiten zu retten. Meine Versuchsvölker jedenfalls, die ohne Behandlung überleben, überleben auf Stabilbau in Warrébeuten auf drei Zargen (das ganze Jahr). Hier ein Video davon.


https://www.youtube.com/watch?v=zNwJirk8q-c

Das weckt Hoffnungen, berechtigt oder nicht. Leider bezahlt einem niemand(!) ein Jahresgehalt von über 30 T€ dafür, die Bienen zu retten.
Cogito ergo summ.
Ich summe, also bien ich.


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